Was uns eine Wanderung auf der steirischen Alm über weltweite Zusammenhänge lehrt.
Hitze statt Pullover. Verbranntes Gras. Konflikte um Weideflächen. Und Rinder, die für eine Bauernfamilie weit mehr bedeuten als Milch und Fleisch. Bei einer von Welthaus organisierten „Wanderung mit Weitblick“ am 19. September im Naturpark Almenland wurde deutlich: Die Leidenschaft für den Beruf und die Herausforderungen der Landwirtschaft verbinden Bäuerinnen und Bauern in der Steiermark mit jenen in anderen Teilen der Welt.
Ausgehend von der Stoakoglhütte wanderte die Gruppe über die Sommeralm. Mit dabei waren interessierte Teilnehmer:innen aus Graz, Rudolf Grabner vom Steirischen Almwirtschaftsverein, die Almbauern Franz Schwaiger und Alois Kiegerl sowie ein Team von Welthaus. Über Audiobeiträge kamen auch Cynthia Kaplan aus Argentinien und Saitoti Laurent Parmelo aus Tansania zu Wort.
Die beeindruckende Landschaft, die gute Luft und die Ruhe auf der Alm lassen schnell verstehen, warum sie ein beliebtes Ausflugsziel ist. Doch wer entscheidet, wie die Flächen genutzt werden? Wie verändert der Klimawandel die Almwirtschaft? Und was verbindet steirische Almen mit der Weidewirtschaft in Argentinien und Tansania? Darüber wollten wir mehr erfahren.
Wenn Grünland austrocknet
Unterwegs über braune Wiesen und durch ausgetrocknete Wälder wurde deutlich, wie eng Landwirtschaft und Klima verbunden sind. Alois Kiegerl ist Biobauer in der Weststeiermark und Biodiversitätsbotschafter. „Früher bin ich nicht ohne Jacke auf die Alm gegangen“, erzählte Kiegerl. Heuer habe er darauf geachtet, eher am Abend hinaufzugehen, „weil wir auch auf der Alm über 25 Grad hatten. Das Grünland ist viel zu trocken.“ Die Almwirtschaft werde dadurch zunehmend unberechenbar: In manchen Jahren gebe es zu viel Futter, in anderen zu wenig. Auch die Wasserversorgung sei ein „Riesenthema“. Betonbehälter als Wasserspeicher könnten Abhilfe schaffen, seien allerdings sehr teuer.
Auch in Tansania setzt die globale Erhitzung die Weidewirtschaft unter Druck. Saitoti Laurent Parmelo, ein Maasai-Hirte, sagte in seinem Audiobeitrag: „Die Auswirkungen sind massiv: Heute werden selbst Gebiete, die in der Regenzeit ausreichend Weide bieten würden, nicht mehr genutzt, weil es nur noch minimal regnet.“
Wem gehört das Land?
Für die Maasai ist eine Kuh weit mehr als ein Tier: Sie bedeutet Lebensgrundlage, hilft bei der Konfliktlösung und ermöglicht, Schulgeld für die Kinder aufzubringen. Ihr Land befindet sich in Gemeinschaftsbesitz. Doch Tourismus, Bergbau, die Ausweitung von Schutzgebieten und Kohlenstoffprojekte erhöhen den Flächendruck. „Durch diese Eingriffe werden die Dorfflächen immer kleiner und es kommt zu Konflikten“, erzählte Parmelo.
In der argentinischen Chaco-Region wiederum werden große Teile des Trockenwaldes für Soja und Rindfleisch gerodet. Die Tierärztin Cynthia Kaplan betreibt mit ihrem Mann einen Hof, wo sie auf angepasste Weidewirtschaft und Ruhephasen für die Flächen setzen. Sie meinte: „Je nach Landnutzung wird der Wald oft als Hindernis für die Produktion angesehen. Dabei ist er in Wirklichkeit ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Agrarökosystems.“
Auch in Österreich gibt es Konflikte um die Landnutzung – etwa zwischen Landwirtschaft und Tourismus, bei der Aufstellung von Windrädern oder um die Rückkehr des Wolfs. Die Agrargemeinschaft Stoakogl, in der elf Bauern gemeinsam die Alm besitzen, regelt ihre Bewirtschaftung über ein eigenes Regelwerk. „Entscheidend ist das Miteinander“, betonte Obmann Franz Schwaiger, „weil jeder hat eine andere Sichtweise. Und dann muss man einen Konsens finden.“
Almen sichern Lebensmittel
Dass Weidewirtschaft weit mehr ist als Landwirtschaft, möchten auch die Vereinten Nationen unterstreichen: Sie haben das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt. Rudolf Grabner erläuterte, welchen Stellenwert die Almen für die Steiermark haben: „Wir produzieren auf diesen Flächen hochwertige Milch, Käse, Fleisch, Eiweiß. Jedes fünfte Rind in der Steiermark geht auf die Alm rauf.“ Die Alm leiste damit einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelproduktion und Biodiversität, aber auch zum Lawinenschutz. „Dieser ist unmittelbar mit der Bewirtschaftung verbunden, denn Rinder und Schafe festigen den Boden durch Vertritt.“ Ohne Beweidung würde der Wald vielerorts überhandnehmen, betonte Grabner. Gleichzeitig reiche das Einkommen vieler kleiner Betriebe kaum für eine Familie.
Was braucht es, damit die Weidewirtschaft auch in Zukunft Landschaften erhält und Lebensmittel sichert? Diese Frage beschäftigte uns auf dem Weg zurück zur Stoakoglhütte. Die Teilnehmer:innen nannten u. a. politische Unterstützung, gesicherte Nutzungsrechte, faire Preise und bewusste Konsumentscheidungen. Beim gemütlichen Mittagessen auf der Hütte wurde weiterdiskutiert, gelacht und Erfahrungen über Ländergrenzen hinweg geteilt.
